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Meine Vorbereitung auf den nächsten Marathon

Das Stündlein hat geschlagen — Garmin Forerunner 620 im Test

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Garmin Forerunner 620

Foto: www.GARMIN.de

Mein Gott, was für ein Funktionsumfang. Darf man die Garmin Forerunner 620 überhaupt noch Laufuhr nennen? Das ist schon ein ausgewachsener Trainingscomputer, den man da am Handgelenk trägt. Für mich als Laien grenzt es an ein Wunder, was alles an Funktionen in ein so kleines und leichtes Gehäuse gepackt werden konnte. Garmin spricht vom „Trainer am Handgelenk“. An eine klassische Uhr erinnert nur noch die schlanke Form und die Tatsache, dass sie auch die Zeit anzeigt.

Ich gebe es ja zu, ich bin ein Technik-Futzi. Ich liebe es, all die schönen Daten zu sehen, zu analysieren, sie grafisch aufbereiten zu lassen und mir über Veränderungen Gedanken zu machen. Früher war es ja schon toll, dass eine Polar-Uhr den Herzschlag anzeigen konnte. Dann kam ein Fußsensor hinzu, der Aussagen über die zurückgelegte Streckenlänge zuließ. Stufe drei der technischen Aufrüstung ist eine App auf dem Smartphone. Für einen Daten-Junky sind Runtastic und Co schon eine feine Sache. Aber, und dass wird für viele Ausdauersportler ein Killerargument sein, die Akkuleistung lässt arg zu wünschen übrig. GPS und Displayanzeigen schlürfen den Energiespeicher in anderthalb bis zwei Stunden leer. Und dann steht man da. Keine Datenaufzeichnung mehr, keine Musik mehr, an einen Notruf will ich lieber gar nicht denken.
Also musste eine Laufuhr her. Die Garmin Forerunner 620 scheint mir das aktuelle Topgerät auf dem Markt zu sein. Garmin hat mir zwei Modelle für einen Test zur Verfügung gestellt. Mein Kurzfazit: Ich bin begeistert und habe mir eine gekauft!
Verfärbtes Armband der Forerunner 620 Von der 620 gibt es zwei Farbvarianten: schwarz-blau und weiß-orange. Über Geschmack lässt sich nicht streiten, das muss schon jeder für sich selber entscheiden. Ich habe den Eindruck, dass das weiße Armband relativ empfindlich ist. Ich hatte die Uhr nicht nur zum Laufen um, sondern auch alltags. Weil es kalt war, schwups, mal eben die Hand in die Hosentasche. Das mochte das Armband nicht. Innen im Schnallenbereich zeigt es eine Verfärbung, die ich mit Wasser und Spüli nicht weg bekomme. Noch ein Wort zum Armband: Das hat mit Sicherheit eine mitteleuropäische Standardlänge. Ich hätte mir aber gewünscht, dass es etwas länger wäre. Grade jetzt im Winter muss man doch mal mit langärmeligem Shirt, Jacke, eventuell sogar Handschuhen los. Das muss im Ernstfall alles unters Armband, sonst hat die Uhr keinen Empfang – und dann wird es knapp. Aber ich gebe zu, das ist Jammern auf hohem Niveau.
Ansonsten bietet die Forerunner 620 wirklich alles, was das Läuferherz begehrt. Auspacken, einschalten, ein paar persönliche Daten eingeben, dann kann es im Prinzip schon losgehen. Uhr und Brustgurt sind, wenn im Set gekauft, bereits miteinander gekoppelt. Auf dieser einfachen Ebene ist die Bedienung selbsterklärend und leicht. Eine der Besonderheiten der Uhr ist ihre WLAN-Fähigkeit. Um die nutzen zu können, muss ein kleines Programm auf dem Rechner installiert werden, mit dem die Einrichtung quasi ein Kinderspiel ist. Die Uhr kann bis zu drei Netzwerke speichern. Vor einem Lauf kann man schnell noch die aktuellen Satellitenkoordinaten runterladen (dann klappt der Lock noch schneller), nach dem Trainig sind die Daten unversehens bei Garmin-Connect gespeichert. Softwareupdates lädt die Uhr auch drahtlos, Trainingspläne lassen sich aber nicht per Funk übertragen. Dafür muss d über die kleine, magnetische USB-Ladestation mit einem Rechner verbunden sein. Ich habe festgestellt, dass die Uhr empfindlich auf die „Internet-Qualität“ reagiert. In einem WLAN mit dsl-light kommt häufig die Fehlermeldung, es sei kein bekanntes Netz gefunden worden, was aber nicht stimmt, da die Uhr am Router trotzdem erkannt wurde. Über diese Leitung ist aber auch Garmin Connect extrem zäh und stellt einen auf eine Geduldsprobe. Bei ordentlicher Verbindung läuft aber alles wie geschmiert.
Wer den vollen Funktionsumfang der FR620 nutzen möchte, kommt um den dazugehörigen HRM-Run Brustgurt nicht umhin. Rein äußerlich sieht er wie ein Brustgurt aus. Ein elastisches Stoffband halt. Die Weiteneinstellung finde ich etwas umständlich und hakelig, aber das mag an meinen Fingern und der Feinmotorik liegen. Was auffällt: Der Gurt hat zwei Elektroden und einen „Kontaktstreifen“. Damit ist vorgegeben, wie er getragen werden muss. Über zwei Druckknöpfe wird die Mess- und Sendeeinheit angeklippst  auch wieder in vorgegebener Ausrichtung. Ich finde die Druckknöpfe etwas stramm, was zu der Sorge führt, dass sie irgendwann mal aus dem Gurt reißen könnten.
Im Brustgurt ist ein Beschleunigungssensor integriert. Damit werden diverse zusätzliche Parameter ermittelt, die Garmin unter Laufeffizienz zusammenfasst. Dazu zählen Schrittfrequenz, Bodenkontaktzeit, und vertikale Bewegung. Vereinfacht ausgedrückt: Möglichst viele Schritte, den Fuß nur kurz auf dem Boden aufsetzen und sich dabei nicht zu stark auf und ab bewegen – dann wird es was mit den Bestzeiten. Auf Garmin Connect wird der Zahlenwust grafisch dargestellt und so zum Leben erweckt. Dank Farbdisplay kann man sich während eines Laufs anzeigen lassen, wie effizient man grade unterwegs ist. Die Schrittfrequenz ist auch einer der zahlreichen Trainingsparameter, die sich einstellen lassen. Über- oder Unterschreitung werden dann mit einem Alarm quittiert. Die  Forerunner 620 kann zwar sehr viel messen, aber (noch?) keine Trainingsempfehlungen für die Laufeffizienz daraus ableiten.
An anderer Stelle funktioniert das bereits. Anhand der Daten kann Garmin nämlich einen Trainingseffekt berechnen und der Erholungsratgeber spricht dann eine Empfehlung aus, wann das nächste Training stattfinden sollte (wenn man den zwischendurch aufruft, zählt er die Stunden runter und zeigt den Erholungsstatus farbig an). Das schützt einerseits vor Überanstrengung und hilft andererseits dabei, den richtigen Zeitpunkt für den nächsten Trainingsimpuls zu finden. Anfangs gab es mit dieser Funktion einige Probleme, aber seit Softwareversion 2.5 sind die behoben. Ich kann nicht beurteilen, ob Garmin einen Sicherheitspuffer eingebaut hat, aber der Polar-Personaltrainer kommt bei identischen Trainingswerten zu leicht kürzeren Erholungsempfehlungen.
Nach einigen Trainingseinheiten kann der kleinen Computer am Handgelenk auch Angaben zur Fitness machen. Der VO2-max-Wert wird errechnet. Die maximale Sauerstoffaufnahmekapazität in Milliliter pro Kilo Körpergewicht je Minute gibt Auskunft über die Ausdauerleistungsfähigkeit. Daraus leitet die Uhr Prognosen ab, in welchen Zeiten man 5 oder 10 Kilometer sowie Halb- und Marathon laufen könnte – entsprechendes Training vorausgesetzt.

Farbige Darstellung der verschiedenen Trainingseinheiten

Farbige Darstellung der verschiedenen Trainingseinheiten

Alles andere, was man so wissen mögen könnte, kann die Forerunner 620 sowieso: Pace, Strecke, Herzfrequenz, aktueller Wert, Durchschnitt oder in dieser Runde … Herzschläge, die Zone oder prozentual vom Maximalpuls – alles möglich, alles mit Alarmen belegbar. Wer möchte, kann gegen einen virtuellen Gegner antreten. Auch Intervall-Trainings können angelegt werden (ich habe das allerdings am Rechner auf Garmin Connect gemacht und auf die Uhr übertragen). Welche Daten in welcher Kombination angezeigt werden sollen, lässt sich individuell einstellen. Es können verschiedene „Bildschirme“ mit jeweils bis zu vier Datenfeldern angelegt werden. Da die Uhr ein Touchscreen hat, lässt sich unterwegs zwischen den einzelnen Modi per Fingertip oder -wischer wechseln. Die Forerunner 620 verfügt laut Garmins Angaben über ein „hochauflösendes Farbdisplay“ … naja, die Werbefotos übertreiben maßlos, die Anzeige ist eher mau, die Farbe mangels Kontrast und Sättigung so gut wie gar nicht zu erkennen. Bei der Anzeige hat sich Garmin nicht mit Ruhm bekleckert. Wer die Uhr per Bluetooth mit einem Smartphone koppelt, soll zusätzlich Live-Tracking nutzen können, um Mitmenschen übers Internet zu zeigen, wo man grade läuft. Bei gefühlten 200 Koppelversuchen ist es mir nur ein mal gelungen, eine Verbindung zwischen Uhr und iPhone hinzubekommen.
Die Akkulaufzeit gibt Garmin mit zehn Stunden im GPS-Betrieb an, als reine Uhr soll der Saft sechs Wochen reichen. Das sind natürlich nur Zirka-Angaben, die von verschiedenen Faktoren abhängen, aber gefühlt kommt das hin. Der Akku hat auch einen Lauf bei -12 Grad schadlos überstanden.
Es gibt tatsächlich Sachen, die die Uhr nicht kann: Sie und der Brustgurt sind zwar wasserdicht, messen aber im Wasser keinen Puls. Unterstützung für Fahrradzubehör fehlt völlig. Gerüchteweise könnte die aber mit zukünftiger Software nachgerüstet werden. Es ist halt eine reine Laufuhr. Auch wenn die FR620 GPS kann, eine Funktion, die einem zum Ausgangspunkt zurück navigiert, ist nicht enthalten. Egal, ich habe heute trotzdem eine Runde gedreht.

GPS-Uhren werden ja heutzutage schon bei Discountern verhökert. Aber eben keine Garmin Forerunner 620, die kostet im Fachhandel inklusive Brustgurt 449 Euro.

4 Kommentare

  1. Hallo,

    toller Artikel. 🙂 Danke! ich denke jetzt grad über einen laufcomputer nach. Kann ich damit auch runtastastic oder endomondo füttern. dazu müsste die Uhr oder gramin connect .tcx-files oder .gpx-files je Workout oder Aktivität exportieren können. Geht das mit dem Forerunner 620?

    Gruß
    Marcus

    • Moin,

      nicht auf direktem Weg. Es gibt eine Export-Funktion, über die man die Daten evtl. auf ein anderes Portal bekommt (habe ich nicht ausprobiert). In meinen Augen würde das auch nur wenig Sinn machen, denn bspw. runtastic hat gar nicht die entsprechenden Felder, um die Laufeffizienz-Daten zu übernehmen. Da würden also Infos „versickern“. Finde ich.

      Liebe Grüße
      Andreas

      • Moin noch mal, ich muss mich halb korrigieren: Bei Runtastic gibt es ein Garmin Plug-In. Ich habe das grade mal ausprobiert. Es erkennt 30 Aktivitäten auf der Uhr … okay, aber wie ich die hochgeladen bekomme (zumindest eine davon) erschließt sich mir bislang nicht. Aber ich vermute, die Daten für Laufeffizienz würden trotzdem nicht angezeigt werden.

  2. Pingback: Mal funkt’s, mal nicht — WLAN-Probleme der Forerunner 620 | olbertz-rennt

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