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Meine Vorbereitung auf den nächsten Marathon

Nach dem Hamburg Marathon ist vor dem Marathon

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Boah, möchte zufällig jemand seine Beine mit mir tauschen? Das ist die Hölle, Oberschenkel, die sich anfühlen, als wären sie zwei Meter dick. Bloß nicht bewegen, dann geht es. Treppe rauf ist auch nicht schön, aber immer noch erträglicher, als Treppe runter. Es gibt allerdings Anlass zur Hoffnung: Heute fühlen sich die Beine schon besser an als gestern noch. Aber wie hieß es auf einigen Schildern von den begeisterten Zuschauern des Hamburg Marathons: Der Schmerz geht, der Stolz bleibt.

Um es kurz zu machen: Der Haspa Marathon ist schon ein tolles Erlebnis. Einfach grandios! Das muss man erlebt haben. Schon diese schiere Masse an Startern ist überwältigend. 23000 Läufer — von jedem Typus etwas, Moppel bis Spargel, alle Nationen, alles fröhlich bunt gemischt. Ich kann jedem nur raten: Frühes Kommen, sichert die besten Plätzen. Das gilt für Parkplätze im Hamburg Stadtgebiet genau so wie für die Möglichkeit, vor dem Rennen noch mal aufs Klo zu gehen. Bei der Beutel-Abgabe gibt es noch keine Warteschlange, von freien Sitzplätzen in der Messehalle ganz zu schweigen. Zum Thema Startaufstellung hatte ich mich ja bereits geäußert. Von ganz hinten ist es einfach nicht mehr möglich, eine gute Zeit zu laufen. Im Zickzack an all jenen vorbei, die meinen, mit dem Handy irgendwas knipsen oder Filmen zu müssen — das verlängert die Strecke. Auf dem Boden liegen Plastiksäcke und Klamotten, mit denen sich die Läufer in der Phase vor dem Start warm gehalten haben. Da muss man aufpassen, nicht zu stolpern. Und obendrein ist es einfach voll.

Meine UrkundeEs dauert geschlagene 20 Minuten bis sich die Läufer in Startblock M auch endlich auf die Strecke machen dürfen. Kaum tauchen am Straßenrand Bäume und Sträucher auf, verlassen die Ersten auch schon die Strecken und verschwinden mal eben im Gebüsch, um das Straßenbegleitgrün zu düngen. In den Startunterlagen stand zwar dick und rot, dass das verboten sei … scheiß der Hund drauf.Das scheint weder Männlein noch Weiblein vom Pullern abzuhalten. Dabei steht doch alle paar Meter ein Dixi-Klo. Aber wenn sich davor eine Schlange bildet … Bei Kilometer 13, gegenüber vom alten Elbtunnel, meldete sich meine Blase. Vor dem Dixi stand zwar ein älteres Ehepaar. „Einen Läufer lassen wir natürlich vor.“ Danke! Nach mir kam dann schon der nächste … keine Ahnung, wann sie ihre läuferfreundliche Haltung aufgegeben haben.

Gut 42 Kilometer quer durch Hamburg, vorbei an den bekanntesten Sehenswürdigkeiten der Stadt: Reeperbahn, Elbchaussee, Landungsbrücken, Alster, Stadtpark, City Nord … Hunderttausende stehen an der Strecke. Aber eben doch nicht überall. Streckenweise muss es ohne Unterstützung von außen laufen. Trab, trab, trab hört man dann den Gleichklang der Laufschuhe auf dem Asphalt, und ich lasse den Blick ein paar Meter nach vorne schweifen. Was hat der denn an? Mit dem Laufstil will der 42 Kilometer schaffen? Oh Gott, deren Knie schlagen ja bei jedem Schritt gegeneinander, die sind schon ganz rot. Ob einige wissen, dass das Gewebe ihrer Lauftight durch die vom Gesäß verursachte Dehnung quasi durchsichtig wird? Es ist interessant, was für unzählige Variationen ich da an Waden und Hinterteilen zu sehen bekomme.

Die Hamburger scheinen den Marathon zu genießen. Da stehen die Schaulustigen nicht nur am Straßenrand und klatschen, nein, die rücken mit Campingmöbeln und Picknickdecken an, köpfen die Witwe und machen es sich an der Strecke gemütlich. Der Bürgerverein veranstaltet ein Fest auf der Verkehrsinsel und die Behinderteneinrichtung reißt die Türen weit auf, bietet Kaffee nebst Kuchen an. Liebe Halli-Galli-Veranstalter, es ist ja toll, wie viel Mühe ihr euch für Typen wie mich gebt, aber wisst ihr eigentlich, wie gemein es ist, wenn einem unterwegs lecker Grillwurstduft um die Nase säuselt und man weiterlaufen muss?

Das Hamburger Publikum hat schon eine Goldmedaille verdient. Wie die supporten, das ist weltmeisterlich. Wenn bei Kilometer 35 die Beine schwer und schwerer werden, einfach nicht mehr wollen, die Füße nur noch über die Straße schlurfen … „Scheiße, was machst du hier?“, geht mir durch den Kopf … und dann brüllt mich einer an: „Los, komm! Nur noch sieben Kilometer. Die läufst du sonst doch auch jeden Tag ganz locker!“ Eine so herzergreifend simple Logik, da musst ich einfach lächeln und siehe da, zumindest für ein paar Schritte geht es wieder etwas leichter. „Hey Andreas, das sieht gut aus, da geht noch was!“ Sollte ich ein bekanntes Gesicht längs der Strecke übersehen haben? Wenn einem das zum dritten Mal passiert, dämmert es allmählich: Die lesen tatsächlich die Namen von der Startnummer und feuern einen persönlich an. Echt super!

Und sportlich? Naja. Meine Garmin Forerunner 620 hatte für mich eine VO2max von 46 ermittelt und daraus errechnet, dass ich den Marathon unter 3:30 laufen können sollte. Sehr schmeichelhaft, aber das kam mir dann doch sofort extrem utopisch vor. Da musste ich mir nur mal den Kilometerschnitt angucken, um zu wissen, dass ich das im Leben nicht über 42 Kilometer durchhalte. Aber unter vier Stunden zu bleiben, wäre ja schon schön. Daraufhin habe ich mir ein Zwischenzeitenbändchen für 3:50 ausdrucken lassen. Schaumer mal. Völlig unnütz. Die Schrift ist viel zu klein, zumindest ich konnte das unterwegs nicht mehr lesen. Anfangs kam ich ja noch annähernd auf die Zeiten. Aber irgendwann half alles Anfeuern und weiteres Energie-Gel nichts mehr: Die Beine haben zugemacht. Nix mit Runners-High, da hilft nur der schiere Willen. Ich rufe mir dann immer im Kopf die Stimme von Till Lindemann auf. Weiß der Teufel warum, aber ich stimme dann gedanklich in Rammsteins Refrain von „Du riechst so gut“ ein und es geht wieder eine Weile. Hat nichts mit Laufen zu tun, ich habe keine Ahnung, warum, aber mir hilft es.

Die letzten Meter, die Beine werden tatsächlich wieder leicht, da ist noch Kraft für einen Mini-Endspurt, der rote Teppich, bei 4:22 bin ich über die Ziellinie. „Herzlichen Glückwunsch“, gratuliert einer der Helfer und hängt mir die Medaille um. Was für ein Moment. Da tut nichts weh, das kommt erst später. Ich beschließe für mich: Das war nicht mein letzter Marathon, ich laufe weiter!

2 Kommentare

  1. Hut ab! Und die Zeit ist doch Klasse. Mein Sohn – Jahrgang 1973 – war nicht schneller!
    Willst Du nicht zum Üben beim Gorch-Fock-Marathon (Halbmarathon) in Wilhelmshaven teilnehmen? 15. Juni!

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