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Meine Vorbereitung auf den nächsten Marathon

Klatschen, anfeuern, motivieren — Hamburg Marathon von der anderen Seite

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Läufer des Hamburg Marathons passieren Eppendorf ungefähr bei Kilometer 36.

Läufer des Hamburg Marathons passieren Eppendorf ungefähr bei Kilometer 36.

Jaja, das sagt sich so: Jeder gesunde Mensch kann einen Marathon laufen. Aber bin ich den auch gesund? In der Vorbereitung auf den Hamburg Marathon hatte ich bei mir während lockerer Läufe plötzlich Pulswerte jenseits der 180 gemessen. Bei einem Tempo-Training hätte ich ja nichts gesagt, aber einfach so easy auf grader Strecke? Also, entweder bin ich krank und merke nichts davon oder ich bin allerheftigst unfit. Beides keine vernünftige Grundlage, um einen Marathon zu laufen. Deshalb habe ich meine Startnummer rechtzeitig verkauft — in Hamburg darf man das ja.

Die ersten Läufer kommen in Eppendorf an.

Die ersten Läufer kommen in Eppendorf an.

Dieses Jahr also mal keinen Hamburg Marathon? DOCH! Ich habe kurzerhand die Seiten gewechselt und mich als freiwilliger Helfer beworben. Ohne Freiwillige lässt sich so ein Großevents wie der Hamburg Marathon einfach nicht auf die Beine stellen. Wasserbecher anreichen, die Strecke sichern, die Medaille umhängen und vermutlich noch viele Bereiche mehr. Alle paar Meter steht jemand, 42 Kilometer, links und rechts — das alles geht nicht ohne Helfer. Die Kosten würden ins Unermessliche steigen. Mit dem Startgeld alleine lässt sich das Rennen nicht. Mein Alter Schulfreund Frank Thaleiser, Marathon-Chef, hat kürzlich im Hamburger Abendblatt erklärt, dass für jeden Marathoni Organisationskosten von 150 Euro anfallen. Dessen sollte sich jeder Läufer bewusst sein.

Eine Sambatruppe am Streckenrand sorgt beim Hamburg Marathon für gute Stimmung.

Eine Sambatruppe am Streckenrand sorgt beim Hamburg Marathon für gute Stimmung.

Meine Tochter hatte sich schon frühzeitig als Helferin gemeldet und war angenommen worden. Ich bin dann noch kurzfristig ins Team gerutscht. „Britta“ ist für uns zuständig, informiert uns, beantwortet Fragen. Jette und ich wurden beide einem Trupp zugeteilt, die Kreuzung Lockstedter Weg in Eppendorf zu sichern. Kurz vor Kilometer 36. Jeder Marathon-Läufer kennt das. Der legendäre Mann mit dem Hammer meldet sich, die Luft ist ziemlich raus, aber es liegt noch ein gutes Stück vor einem.

Treffen 8.45 Uhr. Wir sind pünktlich. Keiner da. Oder gehört die da drüben auch zu den Helfern? Immerhin steht in sicherer Entfernung ein Polizeiwagen. Dort sitzt der „Kreuzungssherrif“. Der hat den Plan, weiß wo Hütchen und Flatterband hin müssen. „Seid ihr eigentlich irgendwie als Helfer zu erkennen?“ will der Polizist wissen. Ja, eigentlich sollen wir rote T-Shirts und Jacken bekommen, aber Britta ist noch nicht da. Dann eben später. Eigentlich ist vorgesehen, dass die Kreuzung ein „polizeigeregelter Durchlass“ ist. „Ich habe nicht vor, hier irgendwen durchzulassen“, stellt der Beamte gleich unmissverständlich klar. Einzige Ausnahme seien Fahrzeuge mit Sonderrechten. Alle Argumente perlen an ihm ab. „Ich muss zu meiner Frau, die ist schwanger“, versucht es einer mit deutlich aggressivem Unterton. Und erntet dafür nur ein Schulterzucken. Eine Andere versucht es mit einem Anflug von Panik: „Ich habe schon alles versucht, nirgendwo komme ich rüber.“ Antwort: „Sie sind nicht aus Hamburg, dann habe Sie doch eine schöne Stadtrundfahrt gemacht.“ Immerhin bekommt sie Tipps, wie der Seitenwechsel gelingen könnte. Er ist ja gar nicht so. Ab und zu, wenn wirklich keine Sportler zu sehen sind, darf auch mal schnell ein Auto durch.

Also, zumindest an der Kreuzung in Eppendorf, blieb alles friedlich. Ich hatte ausschließlich mit Fußgängern und Radfahrern zu tun. Deren Verständnis war groß und mit etwas Augenmaß ließ sich alles einvernehmlich regeln.

So eine Regelung wie in Boston war glücklicherweise nicht nötig.

Mit einem Wahnsinnstempo zischen die Handbiker vorbei. Die kriegen von unserem Applaus vermutlich gar nichts mit. So schnell wie sie da sind, sind die Eliteläufer auch schon durch. Aber dann: Drei-, Vier-, Fünf-Stunden-Läufer — der Strom reißt nicht ab. Anfeuern, motivieren, puschen. Klatschen, was das Zeug hält, immer einen lockern Spruch abfeuern und die persönliche Ansprache zaubern zumindest für einen Moment ein Lächeln auf die verschwitzten Gesichter. Eine Gruppe Samabtrommler sorgt für einen zusätzlichen Energieschub. Der Rhythmus geht direkt in die Beine.

 

Die mitgebrachten Campingstühle bleiben zusammengeklappt am Rand stehen. Gegen Mittag bringt Britta für jeden einen Verpflegungsbeutel — Banane, Müsliriegel, Red Bull. Alles nicht so mein Geschmack, ich verdrücke lieber schnell die mitgebrachte Stulle. Aber eigentlich ist für Essen keine Zeit. Klatschen, anfeuern, motivieren! Der Lauf muss weiter gehen.

Am Nachmittag ebbt es ab. Nur noch vereinzelt kommen Läufer. Aber auch die bekommen noch die volle Motivationsspritzen. Der letzte Läufer ist ein ganz besonderer Moment. Der Besenwagen klebt an seinen Fersen, er schlurft eigentlich nur noch, denkt aber nicht ans Aufgeben — die goldene Startnummer spricht eine deutliche Sprache: Der hat schon ein paar mehr Marathons geschafft — und er lächelt selig.

Der Job ist nicht schwierig. Aber die Passanten haben es uns auch leicht gemacht. Das größte Problem war, einen Parkplatz zu finden. Zugegeben, die Regen- und Hagelschauer sind nicht lustig, da mussten wir durch … es hätte ja auch noch schlimmer kommen können. Zu Hause haben wir zwischen den T-Shirts noch einen Umschlag mit jeweils 20 Euro gefunden. Die Klamotten sind einmalige Erinnerungsstücke, aber das Geld ist für uns ganz sicher kein Anreiz, auch im nächsten Jahr wieder zu helfen. Für mich zählt vor allem die Überzeugung, wenn auch nur als kleines Rädchen, zum Gelingen des Hamburg Marathons beigetragen zu haben. Und Spaß hat es auch noch gemacht! Ich überlege, im nächsten Jahr vielleicht in Hannover den Frühjahrsmarathon zu laufen und in Hamburg wieder als Helfer dabei zu sein. Meine Tochter fragt auch schon, ob wir 2018 wieder mitmachen.

 

 

 

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